Eine emotionale Achterbahnfahrt
Ich weiss kaum, wo ich anfangen soll. So viele Eindrücke, Gedanken und Gefühle begleiten mich seit dieser Woche.
Ich wusste nicht genau, was mich erwartet. Meine Freundin Janine war bereits letztes Jahr in Rumänien bei Moglis, während ich – ohne dass wir uns damals kannten – fast zeitgleich in einem
Tierheim in Spanien war. Als wir uns kennenlernten, war das eines unserer ersten Gesprächsthemen. Auch meine 19-jährige Stieftochter Melina hatte schon länger den Wunsch, in einem
Tierschutzprojekt in Rumänien mitzuwirken (wir waren bereits mehrfach gemeinsam in Spanien). Schnell war klar: Wenn Janine wieder nach Rumänien reist, möchten wir mit.
So kam es, dass wir im April zu dritt Richtung Flughafen Zürich aufbrachen.
Ich kannte Martina und Gianni bis dahin nicht persönlich und war sehr gespannt auf die Menschen hinter diesem Projekt. Menschen, die – wie sich schnell zeigte – mit unglaublicher Hingabe und
Selbstlosigkeit alles dem Tierschutz unterordnen.
Der Empfang im Shelter/Refugio war laut, lebendig und herzlich. Als Hundenärrin seit frühester Kindheit fühle ich mich nirgends wohler als zwischen Pfoten und feuchten Nasen. Und doch war ich
überrascht: Ich hatte bereits mehrere Shelters in Südspanien gesehen – aber diese Anlage beeindruckte mich sofort. Die Sauberkeit, die gepflegten Hunde, die friedliche Energie trotz der vielen
Tiere – all das hatte ich so nicht erwartet.
Ich war zunächst fast überfordert von den Eindrücken: die Grösse der Anlage, die Vielzahl an Tieren, das friedliche Zusammenleben so vieler unterschiedlicher Charaktere. Und gleichzeitig die
Gewissheit, wie viel Arbeit dahinterstecken muss.
Wir lernten die Hunde kennen, hörten ihre Geschichten. Besonders bewegend war für uns alle – und vor allem für Janine – das Wiedersehen mit Osoli. Sie war damals bei seiner Auffindung dabei, als
er schwer verletzt war und kaum Überlebenschancen hatte. Ihn nun lebend, ruhig und würdevoll zu sehen, war kaum in Worte zu fassen. Er hat trotz den unsäglichen Gräueltaten das Vertrauen in die
Menschen nicht verloren. Ein wunderschöner Hund – Innen wie Aussen.
Auch Moon, die dreibeinige Hündin, die mich schon von zu Hause aus berührt hatte, persönlich kennenzulernen, war etwas ganz Besonderes.
Der Alltag im Shelter
Nach dem morgendlichen Kaffee zeigte uns Martina die anstehenden Arbeiten. Schon nach kurzer Zeit fanden wir unseren Rhythmus und konnten uns gut aufteilen.
Jede von uns fand schnell ihre Herzenshunde. Mich haben besonders die sogenannten Sticker-Tumor-Hunde aus Vrancea berührt. Schwer krank, gezeichnet – und doch voller Leben. Ihnen mit ein wenig
Zeit, Zuwendung, Liebe und Fürsorge zu begegnen, hat mich tief erfüllt.
Auch Peci, ein grosser Herdenschutzhund, hat mein Herz mit seiner alten Seele sofort berührt.
Neben der Versorgung der Tiere halfen wir bei alltäglichen Arbeiten: reinigen, streichen, reparieren, Sand verteilen, Einkäufe machen. Besonders geschätzt habe ich die Momente, in denen ich
alleine und völlig selbstvergessen, zwischen den Hunden arbeiten konnte, da ich dann die Eindrücke und Emotionen verarbeiten konnte.
Eine Familie, die alles gibt
Was mich nachhaltig beeindruckt hat, ist die Konsequenz, mit der hier Tierschutz gelebt wird.
Martina und Gianni haben ihr gesamtes Leben den Tieren untergeordnet. Sie wohnen ohne eigenen Rückzugsraum, teilen ihr Zuhause vollständig mit den Tieren und auch mit den Gästen. Ihre Söhne
schlafen mitten im Hunderudel im Wohnzimmer – ein Alltag, der für uns kaum vorstellbar ist. Keiner hat ein eigenes Zimmer.
Diese Familie hat allen Schweizer Komfort aufgegeben und eingetauscht gegen einen unermüdlichen Einsatz für all diese Tiere in Not in einem Land, das wie ein Fass ohne Boden ist. Das
Familienleben wird zudem viele Wochen im Jahr mit den Gästen geteilt. Privatsphäre gibt es für die Moglis praktisch nicht und Rückzugsraum auch kaum. Mit Leidenschaft, Herzblut und Einsatz und
vor allem einer beeindruckenden Selbstlosigkeit führen sie seit 10 Jahren ein Refugio für alle Arten von Tieren. Dies hat den grössten Respekt verdient.
Vrancea – das emotionalste Erlebnis
Am zweitletzten Tag fuhren wir nach Vrancea. Wir wussten ungefähr, was uns erwartet – und waren dennoch nicht vorbereitet. Wir wussten, dass wir 2-3 Hunde ins Refugio von Moglis mitnehmen können.
Jedoch keine Welpen. Die ganze Geschichte hinter Vrancea könnt Ihr in den Posts von Moglis lesen.
Schon beim Betreten des Geländes traf uns die harte Realität mit voller Wucht. Das Gelände ist völlig verwahrlost.
Gleich am Eingang lagen vier Welpen in einem kleinen Käfig. Kein Wasser, kein Futter. Weitere Welpen hinter Absperrungen. Überall Hunde, viele sich selbst überlassen.
Das von Moglis bestellte und bezahlte Futter lag aufgerissen im Freien. Wasser – Fehlanzeige.
Die Hunde hatten sich in diverse Rudel organisiert: die stärkeren gut genährt, die schwächeren abgemagert, chancenlos und im hinteren Teil des Shelters.
In einer alten Teergrube lagen Hundekadaver im angestauten Regenwasser. Es war erschütternd.
Wir begannen sofort, Wasser zu verteilen. Immer wieder liefen wir zur Pumpe am Ende des Geländes. Jeder Napf, jeder Eimer war leer.
Währenddessen näherte ich mich einer Schäfermixhündin, die mir Martina schon zuvor auf Fotos gezeigt hatte. Vorsichtig, Schritt für Schritt, gewann sie Vertrauen.
Gemeinsam gelang es uns schliesslich, mehrere Hunde in einem leeren Zwinger zu sichern und in Boxen zu verladen. Drei waren geplant – fünf wurden es.
Darunter auch diese Hündin. Ich habe sie Tundra genannt.
Die Situation vor Ort war zusätzlich belastend durch die Besitzerin, die ununterbrochen und aggressiv auf Gianni einredete. Gleichzeitig wurde klar: Wir konnten nicht allen helfen.
Melina ging nochmals zurück zu den Welpen. Sie gab ihnen Wasser, legte ein Tuch zu ihnen. Sie wusste, dass sie sie zurücklassen muss und weinte bitterlich.
Bis Martina sagte:
Du darfst einen mitnehmen.
Eine Entscheidung, die gleichzeitig rettet und schmerzt – den nur einer kann mit. Die anderen müssen ihrem Schicksal überlassen werden. Welpen müssen zuerst isoliert gehalten werden (Parvo,
Staupe, Impfschutz wirkt nicht sofort). Trotz Anfragen an andere Vereine hilft keiner die Welpen aufnehmen. Das enttäuscht und erschüttert mich.
Nach der Rückkehr wurden die geretteten Hunde in der Klinik durchgecheckt und im Refugio medizinisch versorgt (Parasitenbehandlung), gebadet und untergebracht. Es war besonders schön zu sehen,
wie schnell die Hunde in der neuen Umgebung bereits aufblühen. Und schon kurz darauf hiess es Abschied nehmen.
Zurück – und doch nicht mehr dieselben
Am Flughafen und im Flugzeug holten uns die Emotionen ein. Diese Woche lässt einen nicht einfach los.
Unsere Gedanken sind geblieben – bei den Hunden, bei den Bildern, bei den Geschichten.
Für mich ist klar: Ich möchte Tundra adoptieren, sobald sie bereit ist. Einen Hund zu retten, ändert nicht die Welt, aber die Welt des Hundes ändert sich für immer.
Melina wird „ihren“ Welpen Ende August wieder besuchen– in der Hoffnung, die kleine Kayla später ebenfalls adoptieren zu dürfen.
Dankbarkeit
Ich danke der Familie Rubino für die herzliche Aufnahme, die humorvollen Momente mit viel Lachen, die ehrlichen Gespräche und Einblicke, die Offenheit, das Vertrauen gegenüber uns, die
Gastfreundschaft, das leckere Essen und dass Ihr uns allen aber besonders Melina mit der Rettung des Welpens die Ereignisse in Vrancea erträglicher gemacht habt. Ein riesiges Dankeschön für euren
unermüdlichen, selbstlosen Einsatz für all die wunderbaren Seelen –auch für jene, die hier zumindest Würde und Fürsorge am Ende ihres Lebens erfahren.
Aus tiefstem Herzen: Danke.